I.GerthIngrid Gerths Reisetagebuch vom Jakobsweg

Teil 2: 1. Juni bis 30. Juni 2006

Auch die Einträge im Teil 2 des Online-Tagebuch zur Wanderung auf dem Jakobsweg 2006 sind jetzt von "von oben nach unten" angeordnet, das heißt, der neueste = letzte Beitrag steht ganz unten. Die frühere Kommentierungsmöglichkeit ist abgestellt.

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Donnerstag, 1.6.2006
von: Ingrid Gerth, 01.06.2006 13.02 Uhr

Es ist 12.30 Uhr; ich sitze in einer Herberge in Castrojeriz am Computer. Gestern bin ich 30 km von Burgos nach Hontanas gelaufen, ein bisschen unfreiwillig, weil ich in dem Ort davor, in Hornillas, kein Quartier mehr bekommen habe. Uebernachtet habe ich in der letzten Nacht mal wieder in einer staedtischen Herberge, weil ich das Hostal doch glatt uebersehen habe. Ich hatte damit nicht gerechnet, weil in meinem Fuehrer das entsprechende Zeichen fehlt; er ist ja im Mai herausgekommen, aber keineswegs auf dem neuesten Stand. Nun, die Uebernachtung hat 5 Euro gekostet; das schont die Reisekasse.

Die Herbergen sind eine sehr gute Einrichtung, man muss froh sein, dass es sie gibt. Allerdings muss man bereit sein, immer mit mehreren Menschen den Raum zu teilen und auf Privatheit mehr oder weniger zu verzichten.

Heute geht es mir wieder gut; ich habe ein grosses Zimmer in einer privaten Pension, die von Hollaendern gefuehrt wird, die sich vor 6 Jahren das Haus gekauft und renoviert haben. Die Zimmer sind mit viel Liebe eingerichtet; es gefaellt mir sehr, zumal ich heute nur 10 km gelaufen bin, um die 30 km von gestern auszugleichen. Meine Fuesse sind o.k., aber am linken Bein schmerzt eine Sehne immer wieder. Ich muss das Bein also ein bisschen schonen.

Noch etwas Kultur: Die Kathedrale in Burgos erinnert mich ein bisschen an die sagrada familia in Barcelona; sie hat eine ganze Menge filigraner Tuermchen, aller dings nicht so hoch wie die von Gaudi's Kirche.
Die Kathedrale ist Weltkulturerbe und von aussen fast vollstaendig restauriert; der helle Kalkstein leuchtet wundervoll in der Sonne. Innen hat mir vor allem eine Kapelle gut gefallen, deren Altarbild den Stammbaum der Maria zeigt. Es wurde von 2 Koelner Meistern geschaffen und ist unglaublich detailreich. Ueberhaupt faellt auf, wieviele Baumeister und Kuenstler aus Flandern und dem Koelner Raum hier zugange waren!

Dann habe ich in Burgos noch das Kartaeuserkloster Miraflores besucht. Die Kirche ist nur halb zugaenglich, weil das Altarbild und das beruehmte Grabmal des Koenigs Juan II und seiner Frau Isabel restauriert werden. Sie zeigen aber ein Video mit englischen Untertiteln, in dem viele Details der beiden Gegenstaende und deren Restauration gezeigt werden. Das Kloster liegt wunderschoen und gehoert zu den 4 noch aktiven Kloestern dieses Ordens in Spanien. Wenn man etwas ueber das Leben der Moensche erfahren will, muss man den Film "Die grosse Stille" anschauen.

Gestern sprach mich in einem Dorf auf dem Weg ein alter Mann an und fragte nach meiner Nationalitaet. Er freute sich darueber, dass ich Deutsche war, und erzaehlte mir auf Spanisch eine ganze Geschichte, von der ich zum Glueck nur verstand, dass es mit dem letzten Weltkrieg zu tun hatte.

Beim Essen habe ich Marianne und Jorge kennen gelernt, die gerade von Madrid nach Burgos mitten in der Nacht angekommen waren und gleich die 30 km gelaufen sind! Sie waren natuerlich sehr muede. Heute morgen traf ich sie wieder; sie waren ausgeschlafen und schritten schnell voran. Hier in dieser Herberge pausiert wegen eines kranken Fusses eine Frau aus Brasilien, deren Eltern Deutsche waren. Sie sagt, sie liebt die alten Gemaeuer und die kleinen Gassen. Deshalb reist sie jedes Jahr nach Europa. Auch von Deutschland kennt sie einiges, aber mit den Menschen habe sie Probleme: sie seien nur gestresst und wurden kaum lachen; es muesse immer alles schnell gehen. Das sei in Brasilien ganz anders.

So viel fuer heute!

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Freitag, 2.6.2006
von: Ingrid Gerth, 02.06.2006 21.34 Uhr

Heute bin ich von Castrojeriz nach Frómista gewandert (ca. 25 km). Das Wetter ist immer noch angenehm; zwar scheint den ganzen Tag die sonne und nachmittags wird es ziemlich warm, aber der kuehle Wind gleicht es immer wieder aus. Trotzdem hat es mich mehr angestrengt als sonst. Anderen geht es auch so.

Ich bringe es mit dem nicht so guten Schlaf in der letzten Nacht in Verbindung. Ich hatte ein wunderschoenes Zimmer, habe aber unter einer historischen Decke geschlafen. Die Decke stammt urspruenglich aus Oesterreich und ist ein Erbstueck der Wirtin; schon ihre Mutter hat sie von der eigenen Grossmutter geerbt! Sie hat schaetzungsweise ein Gewicht von 5 kg! Ich bin immer wieder aufgewacht und hatte das Gefuehl, dass ich auch noch nachts den Rucksack schleppe.

Als Ausgleich hatte ich heute morgen ein koenigliches Fruehstueck: genuegend Tee mit Milch, leckeren Toat mit Olivenoel, Kaese, eine Tomate, eine Orange (die letzten 3 Sachen selber mitgebracht, denn hier gibt es nur ein suesses Fruehstueck)und zum Abschluss ein Honigbrot. Das hat lange vorgehalten.

Der Weg geht nun durch die Meseta, die zu dieser Jahreszeit sehr schoen ist. Meseta kommt von Mesa = Tisch und bedeutet vollkommen flach. Aber das stimmt nicht; die Landschaft weist kleine Erhebungen auf, aehlich wie die Albhochflaechen. Es wird sehr viel Roggen angebaut, aber auch Huelsenfruechte. anche Felder sind schon geerntet, also gelb, andere noch gruen und manche liegen brach. Von Halbwueste, wie ich es mal gelesen habe, keine Spur. Es gibt auch einen grossen Kanal, von dem viele Bewaesserungsgraeben abgehen.

Auf dem Weg habe ich mich mit einem jungen Amerikaner unterhalten. Er kommt aus Virginia und ist mit seinem Professor und anderen StudentInnen unterwegs. Im Rahmen des Studienganges Spanisch wird auch ein Kurs "Pilgern im Mittelalter" angeboten, und der Prof. bietet an, von Roncesvalles nach Santiago zu gehen. Mein Gespraechspartner hat den Weg schon im letzten Jahr gemacht und ist dieses Mal Assistent! Toll, was? Ein Superangebot einer amerikanischen Uni; hat mich sehr beeindruckt.

Und dann habe ein aelteres Paar aus Suedafrika getroffen. Eigentlich sind sie Englaender, leben aber schon lange in Kapstadt. Der Mann ist schon 74 Jahre und herzkrank. Trotzdem kann er gehen; er muss bloss ziemlich oft stehen bleiben und zu Atem kommen. Finde ich sehr mutig.

Was heute besonders schoen war: am Wasserkanal bluehten ganz viele wilde Schwertlilien!

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Montag, 5.6.2006 (1)
von: Ingrid Gerth, 05.06.2006 16.44 Uhr

Der 2. Versuch! Offensichtlich war mein Beitrag wieder zu lang. Ich finde es unmoeglich, dass das Programm dann alles loescht. Es liegt an dem hiesigen Programm, denn nicht immer passiert das.

Also, ich wollte schon gestern einen Beitrag schreiben, aber der Internetzugang war in dem Nest, in dem ich gelandet bin (Ledigos), nicht moeglich, weil sonntags so viele Leute telefonieren und die Leitungskapazitaet begrenzt ist.

Am Samstag bin ich ca. 20 km von Fromistà nach Carrion de los condes gelaufen. Auf dem Weg habe ich den Professor der amerikanischen Studenten kennengelernt. George liegt es sehr am Herzen, dass sein Schuetzlinge selbstaendig werden. Deshalb sollen sie ab Leon allein gehen und auch selbstaendig Quartier machen. "Wenn sie wieder zuhause sind, werden sie es mir danken", meinte er, "aber ihre Eltern werden es mir vielleicht nicht danken, dass ihre Kinder nun unabhaengiger sind".

Fortsetzung im naechten Beitrag.

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Montag, 5.6.2006 (2)
von: Ingrid Gerth, 05.06.2006 16.51 Uhr

George spricht perfekt Spanisch und Franzoesisch und war 6 Jahre Franziskanerpater, ehe er Hochschullehrer wurde. Er erzaehlte, dass die Spanier den Camino am meisten frequentieren, dann folgen die Brasilianer (!), die Franzosen und die Deutschen. Dann vermutlich die Hollaender.

Er, sein Kollege und einige (oder alle) StudentInnen fuehren fuer ihre Uni ein Experiment durch, in dem ermittelt wird, wie sich verschiedene physiologische Parameter (Herzrate, Blutfette etc.) durch das Laufen aendern. Er will mir die Ergebnisse zusenden.

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Montag, 5.6.2006 (3)
von: Ingrid Gerth, 05.06.2006 17.56 Uhr

Ich habe nun schon mehr als die Haelfte der Strecke nach Santiago zurueckgelegt. (Gerade eben hat ein Pilger dem Maedchen neben mir am 2. Geraet und mir ein paar Kirschen hingelegt, einfach so!)

Gestern hat sich die Landschaft geaendert. Es wurde wirklich ganz flach, aber es gab auch Baeme und Baumgruppen. Mich hat diese Landschaft an Ostfriedland erinnert, andere an Holland. Mir hat es sehr gefallen!

Gestern abend haben wir zu viert gespeist, und eine der beiden Hollaenderinnen hat uns ihre Geschichte erzaehlt. Sie ist das 1. Mal auf den Jakobsweg gegangen, als sie geschieden war, mit der Absicht, ihre Freiheit zu geniessen. Seit 2 Jahren ist sie wieder verheiratet, und zwar mit einem Mann, den sie auf dem Jakobsweg kennengelernt hat. Diese Ehe ist gluecklich; sie hat ihre Freiheit behalten koennen und hat nun fuer 14 Tage den Weg fortgesetzt, ohne ihren Mann.

Wenn ich uebermorgen in Leon sein will, muss ich morgen 40 km, aber wenigstens 33 km laufen. Mal sehen, ob ich das schaffe!

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Verschwundene längere Texte
von: Helga, 06.06.2006 12.28 Uhr

Hallo Ingrid,
es liegt vermutlich nicht an der Länge der Texte, wenn etwas nicht ankommt, eher an der Zeit zwischen Anfangen mit Schreiben und Abschicken. Der Server setzt ein Cookie auf dem Rechner, an dem du schreibst. Das müsste eigentlich 2 Stunden lang gültig sein. Falls es eine Zeitverschiebung zwischen Spanien und hier gibt, könnte die Zeit eventuell auf eine Stunde schrumpfen. Und wenn aus irgendwelchen Gründen der Cookie zwischendurch gelöscht wird, dann geht es auch nicht ... Ändern kann ich daran nichts, weil das Gästebuch ein cgi-Script von Strato ist. Kürzere Texte abschicken ist genau richtig.

Weiterhin gute Reise!

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Donnerstag, 8.6.2006 (1)
von: Ingrid Gerth, 08.06.2006 17.08 Uhr

Ich bin in Leon und feiere heute meinen Geburtstag mit einem Ruhetag. Ich habe lange geschlafen, ein leckeres Fruehstueck gehabt, einen Stadtbummel gemacht, mit "meinen" Englaendern zu Mittag gegessen, mich ausgeruht, und nun sitze ich ganz in der Naehe meiner Herberge am Computer.

Vorgestern bin ich tatsaechlich etwa 40 km gelaufen, von Sahagun nach Manzilla de las Mulas, und zwar ueber eine Alternativroute, die die Strasse vermeidet und wunderschoen ruhig ist, aber nach dem Ort Calzada de los Hermanillos auch fast voellig ohne Schatten. Nachmittags wurde es sehr heiss, und ich wollte gern eine Pause im Schatten machen. Der Weg fuehrte ganz in die Naehe einer Bahntrasse, und da gab es einen aufgelassenen Bahnhof mit einem kleinen Bahnhofsgebaeude, das schon halb am Zusammenfallen war, aber genuegend Schatten bot. Also nichts wie ueber die Gleise, und da entdeckte ich, dass ich nicht die einzige war: ca 10 Personen lagen auf ihren Matten und doesten vore sich hin. Ein Mann machte mir bereitwillig Platz, und ich ass erst einmal ein bisschen und legte mich dann auch hin, aber nicht zu lange, damit das Weitergehen nicht zu schwer faellt. Ab und zu fuhr ein Zug vorbei. Falls ein Fahrgast aus den Fenster gesehen haben sollte: er wird sich gewundert haben!

In den Outdoor-Fuehrer, den viele Deutsche haben, steht, dass man spaeter einen Fluss durchwaten muss. Einige freuten sich drauf, aber welche Enttaeuschung: es wurde eine neue Bruecke gebaut; man kommt trockenen Fusses drueber!

In Reliegos habe ich auf einer schoenen gruenen Wiese mit Baeumen, die zu einer Bar gehoert, Rast gemacht und viel getrunken. Dann kamen die letzten 6 km nach Manzilla. Da war ich 10 Stunden gelaufen und war froh, ein Zimmer in einem Hostal zu bekommen. Das linke Knie tat etwas weh, und die rechte Huefte auch, aber am naechsten Morgen war alles wie weggeblasen!

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Donnerstag, 8.6.2006 (2)
von: Ingrid Gerth, 08.06.2006 17.23 Uhr

Gestern war die Strecke von Mansilla nach Leon mit ca. 20 km ziemlich bequem, allerdings auch anstrengend, weil der Weg teilweise parallel zu einer stark befahrenen Strasse verlief. Aber es war nicht so schlimm, wie ich befuerchtet hatte.

Ich habe ein schoenes Zimmer mit Bad in der Hospederia des Benediktinerinnenklosters bekommen. Zwar ist ein Holzgitter vor den Fenstern, aber das stoert mich nicht, denn es haelt auch die Sonne fern.

Gestern gab es ueberraschendes Wiedersehen: Paul, der in Viana den Kreislaufkollaps hatte, seine Schwester und deren Mann waren in Leon! Ich konnte es zunaechst gar nicht glauben und habe mich sehr gefreut. Nach 1 1/2 Tagen Krankenhausaufenthalt (zwar in San Millan, aber das ist auch ein Vorort von Logrono und das San Millan, das ich meinte) konnten sie weiterwandern und waren gestern auch in Leon angekommen. Inzwischen sind sie auf dem Weg nach Santander und fliegen dann heim. Naechstes Jahr setzen sie den Weg fort. Viel hoehren in Leon auf, aber vermutlich noch mehr fangen hier an!

Vormittags habe ich ein Ehepaar aus Schweinfurt getroffen, die im letzten Jahr schon unterwegs waren. Sie erzaehlten mir, dass sie einen Andreas aus Tuebingen und seinen Kumpel getroffen haetten, die in Moenchskutten gewandert seien. Darunter haetten sie Radlerkleidung gehabt. Sonst haetten sie nichts bei sich gehabt und sich durchgeschnorrt. Das habe funktioniert. Ein Franziskanerpater habe ihnen ein Kreuz (zum Umhaengen) geschenkt, "damit ihr wenigstens etwas Echtes an euch habt!"

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Donnerstag, 8.6.2006 (3)
von: Ingrid Gerth, 08.06.2006 18.06 Uhr

Also, waehrend ich hier wandere, passieren zu Hause lauter Wunder, wie ich per e-mail erfahren habe. Lauter tolle Geburtstagsgeschenke!

Ich will noch etwas ueber die Kathedrale von Leon schreiben. Sie ist etwas Besonderes, denn sie ist im Stil der franzoesischen Gotik erbaut worden. Sie ist ziemlich stilrein und wunderschoen, weil sie ca. 200 bunte Fenster hat, die sehr gut erhalten bzw. restauriert sind. Ausserdem ist sie angenehm kuehl.

Heute ist es hier auch wieder etwas kuehler, keine 35 Grad mehr. Und dem web habe ich entnommen, dass es nun auch endlich bei euch wieder waermer geworden ist. Ich wuensche einen schoenen Sommeranfang!

Liebe Helga, Dir noch eine kurze Mitteilung. Ich bin ganz sicher, dass die Sache mit den zu langen Beitraegen mit dem hiesigen Server zusammenhaengt. Denn ich konnte auch schon laengere Beitraege abschicken. Bloss bei "ultreia.net" muss ich aufpassen, meine ich.

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Freitag, 9.6.2006
von: Ingrid Gerth, 09.06.2006 21.46 Uhr

Ich habe es gewagt und bin heute 38 km von Leon nach Hospital Obigo gelaufen, und zwar ueber eine Alternativroute, die 4 km laenger ist als die Normalroute. Aber es hat sich gelohnt: die Normalroute sei laut und dreckig gewesen wurde mir berichtet.

Auf meinem Weg gab es fast keinen Autolaerm, und dreckig war es auch nicht. Die Landschaft ist gruener geworden; es gibt Wiesen, auch Kornfelder, aber - und das ist neu - auch viel Maisanbau. Der erste Teil des Weges hat mich sehr an die Hochflaeche der Schwaebischen Alb erinnert; nur dass hier Lavendel blueht. Auch Kuehe haben wir zum ersten Mal hier gesehen. Aber die Attraktion waren 25 Stoerche, die auf einer gemaehten Wiese nach Fressbarem suchten. So viele Stoerche habe ich noch nie auf einmal gesehen. Aber eben wurde mir gesagt, dass auch in Brandenburg sehr viele Stoerche sind und dass sie in grossen Scharen auf frisch umgepfluegten Feldern nach Nahrung suchen. Sie fressen offenbar alles Moegliche, nicht nur Froesche. Die gibt es hier kaum. Auf jeden (Kirch-)turm und jedem Pfeiler ist hier ein Storchennest. Heute konnte ich beobachten, wie ein Elterntier seine 2 Jungen fuettert. Die waren schon ganz schoen gross und werden wohl bald die ersten Flugversuche unternehmen.

Heute morgen war ich uebrigens total sauer, weil bis morgens 4 Uhr mindestens groelende Maennerhorden unterwegs waren. Warum, weiss ich nicht; die Fussballweltmeisterschaft hat ja erst heute begonnen. Selbst mit Ohropax bin ich aufgewacht, und das will etwas heissen.

Heute bin ich in einer Herberge gelandet, weil mir das hiesige Hostal zu teuer war. Obwohl diese Herberge sehr ordentlich ist, freue ich mich auf morgen und ein eigenes Zimmer in Astorga.

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Montag, 12.6.2006
von: Ingrid Gerth, 12.06.2006 13.58 Uhr

Im Moment bin ich in Ponferrada, der Hauptstadt der Region Bierzo, ca. 75 km weiter als beim letzten Eintrag. Ponferrada ist bekannt fuer seine Templerburg, im 12./13. Jhdt zum Schutze der Pilger erbaut. Die Burg ist beeindruckend, aber besichtigen kann man sie leider nicht, auch das Museum nicht,weil Montag ist. Also gibt es keinen Grund fuer mich, hier zu bleiben, ausser dass ich eine Pause ganz gut gebrauchen koennte. Aber die kommt dann morgen.

Die ñetzten beiden Tage bin ich ueber die Berge von Leon gewandert. Die Wege waren so richtig nach meinem Geschmack: nicht so breit, in wunderschoener Berglandschaft mit herrlichen Blumen: niedrige dunkelviolette Heide, gelbe Sonnenroeschen, mannshohe Heidestraeucher, ganz viel hoher Ginster.

Mir wurde gerade gesagt, dass dieses Internet-Cafe um 14 Uhr schliesst; also bis zum naechsten Mal!

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Freitag, 16.6.2006
von: Ingrid Gerth, 16.06.2006 21.24 Uhr

Inzwischen bin ich in Sarria, ca. 80 km von dem Ort des letzten Eintrags einfernt, und sitze an einem superneuen Geraet, dessen Tasten unmoeglich sind. Man muss mit aller Kraft raufhauen, damit es funktioniert. Deshalb wird der Eintrag nur kurz. Ich habe gestern die Provinz Galicia betreten und bin jetzt nur noch ca. 110 km von Santiago entfernt. Galicien ist sehr gruen und bergig; ausserdem hat sich das Wetter geaendert: es ist schwuel und faengt jeden Tag gegen 16 Uhr an zu gewittern und heftig zu regnen. Es macht also Sinn, gegen 16 Uhr im Quartier zu sein. In den kleinen Bergdoerfern gibt es auch keinen Internetanschluss. Aber am Dienstag werde ich in Santiago sein.

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Sonntag, 18.6.2006 (1)
von: Ingrid Gerth, 18.06.2006 20.42 Uhr

Heute bin ich in Melide, nur noch 52 km von Santiago entfernt. Melide ist eine groessere Stadt und hat diverse Internet-Moeglichkeiten. Ich sitze hier in einem Internet-Cafe. endlich mal wieder mit einem normalen Geraet mit normaler Tastatur. Lokale mit Internetzugang heissen hier oft "cyber".

Eben habe ich eine Prozession beobachtet, die hier abends an einem Sonntag durchgefuehrt wird und "corpus" heisst. Der Festtag entspricht unserem Fronleichnam. Die Monstranz wird vom Priester unter einem Baldachin durch geschmueckte Strassen getragen; vor der Kirche sind Bilder aus Blueten auf dem Pflaster ausgelegt und davor ein kleiner Altar. Das Besondere: eine Dudelsackkapelle! Denn hier haben die Kelten gesiedelt und auch ihre Instrumente mitgebracht (aber in Roecken gehen die Maenner nicht).

Galicien wird von manchen Pilgern mit Irland verglichen, und es ist auch so gruen, und es regnet auch haeufig. Jetzt scheint sich allerdings Hochdruckeinfluss durchzusetzen. Heute morgen bin ich im Nebel gewandert, aber ab Mittag wurde es immer heller, und dann kam die Sonne durch. Jetzt am Abend ist es ganz klar; es weht ein angenehmer Wind.

Fuer alle Faelle schicke ich diesen Beitrag mal ab und schreibe noch einen weiteren.

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Sonntag, 18.6.2006 (2)
von: Ingrid Gerth, 18.06.2006 20.57 Uhr

Ich habe inzwischen einige interessante Leute kennen gelernt. Der Interessanteste ist sicher ein Mann, der 2 Pferde mit sich fuehrt. Das eine traegt das Gepaeck, auf dem anderen reitet er. Ich habe nicht mit ihm selbst gesprochen, aber mit seiner zeitweiligen Begleiterin. Er kommt aus Argentinien und ist von seinem dortigen Heimatort nach New York geritten! Dann haben er und seine 2 Pferde ein Flugzeug nach Amsterdam genommen. Von dort ist er auf den Jakobsweg gegangen und nun wie ich kurz vor Santiago. Er ist bereits 4 Jahre unterwegs! Nach Santiago will er noch nach Rom und dann nach Jerusalem. Sein Projekt ist auf 8 Jahre ausgelegt.

Dann habe ich gestern in Portomarin, einer kleinen Stadt, die ganz neu aufgebaut wurde, weil das alte Portomarin in einem Stausee versunken ist, eine kleine Gruppe mit 2 Eseln gesehen. Ausserdem sind noch weitere Reiter unterwegs.
Uebrigens wurde die Kirche von Portomarin Stein fuer Stein abgetragen und im neuen Ort genau so wieder aufgebaut. Leider war sie nicht offen, wie alle Kirchen hier. Sie werden nur fuer die Messen geoeffnet. Portomarin hat Atmosphaere und hat mir gut gefallen. Ich war versucht zu bleiben, aber das gute Wetter lockte mich doch weiter.

Es gibt einen weiteren interessanten Mann, mit dem ich gern laenger reden wuerde. Es ist ein alter Japaner, der in gelben Pluderhosen laeuft und schon dadurch auffaellt. Aber er nimmt keinen Kontakt auf, und ich vermute, er ist ein Buddhist. Ich wuerde gern wissen, warum er den Jakobsweg laeuft. Vielleicht treffe ich ihn in Santiago wieder; jetzt bin ich ihm vermutlich einen halben Tag voraus.

So viel fuer heute. Der naechste Bericht folgt aus Santiago!

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Mittwoch, 21.6.2006
von: Ingrid Gerth, 21.06.2006 19.20 Uhr

Hurra, seit gestern bin ich in Santiago! Gegen 15 Uhr bin ich hier eigetroffen, und es hat noch eine Weile gedauert, bis ich mein Zimmer hatte. Ich bin in der Hospederia der Benediktin erinnen untergekommen, auf Empfehlung von Claudia, an die man sich sofort erinnerte. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Nonnen nicht begeistert waren, dass ich 3 Tage bleiben wollte. Warum, weiss ich bis jetzt nicht. Eine der Nonnen spricht ein bisschen Englisch, so dass die Basisverstaendigung gesichert ist. Im uebrigen sind sie richtig suess; sie haben mir z. B. zum Fruehstueck ihren Priester als Gespraechspartner organisiert, weil der auch Englisch spricht.

Das Einlaufen nach Santiago war genau so droege wie in die anderen Grossstaedte auch. Der Ausblick vom Monte de Gozo (Berg der Freude, weil man von dort das erste Mal Santiago sieht)ziemlich enttaeuschend, weil grosse Baeume die Sicht versperren. Ausserdem steht auf dem Aussichtsberg ein Denkmal, das an Scheusslichkeit sicher nur selten ueberboten wird. Dann muss man noch lange auf grossen Verkehrstrassen laufen, ehe man die Altstadt betritt. Die ist aber sehr schoen. Und irgendwie so verwinkelt, dass ich mich gestern andauernd verlaufen habe, was ich gar nicht kenne. Allerdings habe ich mir - vielleicht von der Belastung, ich weiss es nicht - eine Art Hexenschuss zugezogen, und das war gestern - auch ohne Rucksack - so schlimm, dass ich sowieso etwas daneben war. So habe ich tatsaechlich vergessen, ein Getraenk zu bezahlen. Ein Mann sprach mich heute morgen an einer Ampel darauf an, auf Spanisch natuerlich. Ich habe gerade mal den Sachverhalt verstanden; die 1,50 wollte er nicht haben; alle weitere blieb mir schleierhaft. Ich weiss leider auch nicht mehr, wo dieses Cafe war, aber wenn ich es finde, werde ich meine Schulden natuerlich bezahlen. So wird man also zur Zechprellerin!

Die Kathedrale hat mich nicht vom Hocker gerissen, die heutige Messe auch nicht, mit Ausnahme der Saengerin, die wirklich eine Engelsstimme hat. Aber gleich beginnt eine Messe, bei der angeblich der beruehmte Weihrauchkessel durchs Kirchenschiff fliegt. Das will ich mir nicht entgehen lassen.

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Mittwoch, 22.6.2006
von: Ingrid Gerth, 22.06.2006 18.20 Uhr

Das war wirklich ein Schauspiel, der fliegende Botafumeiro, der Weihrauchkessel. Die 12 Maenner schwenken ihn erst einmal hoch und dann bringen sie ihn zum Schwingen. Ich hatte wirklich Angst, das schwere Ding kracht gegen die Decke, so hoch flog er. Dazu eindrueckliche Orgelmusik. Die Kirche weiss halt schon lange, was eine gute Inszenierung ist (obwohl der Ursprung ein ganz praktischer war: die Pilger haben damals fuerchterlich gestunken, und da hat man mit Weihrauch gegenan gestunken, und ausserdem war das auch noch gesund).

Eben war ich in der Kathedrale und habe die ersten 5 Kerzen angezuendet (soweit man das so nennen kann, denn leider sind es elektrische Kerzen, aber die Kirche waere wohl pechschwarz von dem Rauch, wenn das anders waere). Der Kessel hing noch an der Schnur, was vermutlich bedeutet, dass das Schauspiel heute abend noch einmal stattfindet. Aber ich fuehle mich verpflichtet, heute abend zu "meinen" Nonnen zu gehen, zur Vesper.

Ich weiss nun auch, warum sie Gaeste nicht so gern haben. Die Zimmer zur Strasse sind sehr laut, und deshalb vermieten sie sie nicht gerne, sagte mir heute morgen der Priester. Ich antwortete, dass mir das mit Ohropax nichts ausmacht, und ich denke, dass ich naechste Woche Freitag wiederkommen kann. Denn laut ist es hier ueberall, und mein Zimmer gefaellt mir sehr.

Morgen frueh werde ich nach Finisterre aufbrechen. In 4 Tagen werde ich dort sein und noch 3 Tage dort bleiben. Dann werde ich nach Santiago zurueck kommen, und fuer den 4. Juli habe ich - oh Wunder! - einen recht guenstigen Flug nach Frankfurt bekommen. Wenn alles gut geht, komme ich dort um 18.30 Uhr an und komme auch noch bequem nach Tuebingen.

So ist nun alles geregelt, und ich kann die restlichen Tage entspannt verbringen. Wenn sich wieder eine Internetmoeglichkeit bietet, melde ich mich noch einmal.

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Freitag, 30.6.2006
von: Ingrid Gerth, 30.06.2006 19.12 Uhr

Zurueck aus Finisterre, wieder in Santiago bei "meinen" Nonnen, von denen ich herzlich begruesst wurde.

Nun bin ich auch im Besitz der "Finisterrana", einer Urkunde, die der Compostela entspricht. In 3 Tagen bin ich von Santiago bis Corcubion gewandert, 12 km vor Fisterra (so heisst der Ort vor dem Kap Finisterre). Leider war der 3. Tag gar nicht schoen. Zunaechst hat es geregnet (was aber gar nicht so schlecht war, weil ich endlich meine Ueberschuhe ausprobieren konnte - mit Erfolg, dann aber wurden meine Rueckenschmerzen ziemlich heftig, und ich habe in Corcubion eine Familie nach einem Hotel gefragt. Sie haben mich dann gleich in ein Hotel in Fisterra gefahren, und dort bin ich dann 5 Tage geblieben, bei bestem Wetter. Die 12 km habe ich dann 3 Tage spaeter ohne Rucksack nachgeholt, und auch zum Kap bin ich gelaufen und habe dort, was einem alten Ritus entspricht, meine reichlich ramponierte Kappe verbrannt. Aber der Ruecken ist noch nicht in Ordnung; vermutlich muss ich nach meiner Rueckkehr einen Orthopaeden aufsuchen.

Finisterre ist sehr schoen! Es liegt an einer grossen Bucht, von Huegeln und einem grossen Berg umsaeumt, mit einem grossen Strand. Und zur anderen Seite, auch nur 15 Minuten zu Fuss entfernt, eine schoener Strand an der offenen See, immer mit Wellen. Trotz der Rueckenschmerzen bin ich einmal ins Wasser; es war zu verlockend! Aber es hat nur ca. 16 Grad, ist also noch reichlich kalt.

Hier in Santiago ist auch schoenes Wetter, aber es ist viel waermer. Daran muss ich mich erst einmal gewoehnen.

So, die grosse Wanderung ist abgeschlossen. Dieses war der letzte Eintrag. Wer beim Lesen Lust bekommen hat: ich kann nur empfehlen, es nachzumachen. Es ist eine wunderschoene Erfahrung!

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Zum Teil 1 des Reisetagebuchs

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